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Folge zehn

€ 22,95


erschienen bei: Suhrkamp

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György Konrad

Gästebuch

Wem der Zufall so in die Parade fährt, flieht die Gewissheiten. Der Zweifel wird sein ständiger Begleiter, die Skepsis bewahrt ihn vor vorschnellen Schlüssen und die Identität wird ihm ein Rätsel, ein Anstoß zum Infragestellen bleiben.

Kalligaro ist zurück! Ruhiger, aber keineswegs versöhnlicher und sein Lebensthema erscheint nun im Untertitel: die Freiheit. Nachsinnen über die Freiheit ist denn auch im Gegensatz zum Titel Gästebuch der eindeutigere Hinweis für die Lektüre. Im Jahr 2007 erschien Das Buch Kalligaro. Dort die Zeilen unter dem amüsanten Zwischentitel Ermunterung zur Levitation als Zwischenbilanz: Geboren wurde er 1933, heute schreibt man das Jahr 1999, sechsundsechzig Jahre sind seither vergangen: 33-66-99. Eine schöne diabolische Zahlenreihe. Hat er sich dem Teufel weltlicher Eitelkeit verschrieben? Dem Schwinden entfloh er durch Intensivierung des Lebens, wozu sich auch Wichtigtuerei gesellte. Zufällig 1933 zufällig in Ungarn geboren hält das Leben für György Konrád mehr Prüfungen bereit, als ein einziger Mensch zu bestehen in der Lage sein könnte. Und doch überlebt er als einziges Kind seiner Schulklasse, weil er 1944 der Deportation entgeht. Dem Naziterror folgt die sowjetische Unterdrückung. Dem Intellektuellen ist das Schicksal des Außenseiters beschieden. Dem Antisemitismus des ersten Lebensjahrzehnts folgen die Jahrzehnte des Dissidententums, um nach der Öffnung zum Westen hin im Ungarn des feinen Herrn Orban wieder der Pest des Antisemitismus zu begegnen. In Konráds Worten: Der neue christlich-nationale Kurs bringt die Phraseologie der Vorkriegszeit zurück, beschönigt die Ermordung der Juden und will glauben machen, dass sie die Ursachen und Gründe für vierzig Jahre Kommunismus zu verantworten hätten. Doch das Jammern ist seine Sache nicht, die Antwort auf so viel Ungemach nicht eine Flucht in den Glauben und kein Beugen der Knie, auch nicht das Heil in der Demut, sondern der klare Blick, den die Skepsis ihm auferlegt. Dieses Buch kommt zur rechten Zeit: Sich erinnern heißt lernen lautet ein Zwischentitel, und es schließt mit den Worten: Wessen bedarf es, wenn intelligente, gebildete und vernunftbegabte Menschen das Verderben von Menschen, die sie persönlich nicht kennen, nicht nur hinnehmen, sondern sogar billigen und befördern? Wer sich nicht erinnern mag, der lässt auf Flüchtlinge schießen. Aus dem Zufall wird Schicksal, das von denen getragen werden muss, die nicht das große Rad drehen. Der Schluss à la Kalligaro: Selbst wenn du nur allein sie vertrittst, wird aus einer Wahrheit kein Irrtum. Das Leben geht eben nicht in Zugehörigkeiten auf, es widersteht in seiner Einmaligkeit abstrakten Kategorien. Das Subjekt ist keine moralische Größe. Die Kunst zu überleben ersetzt nicht die Lebenskunst, die nichts weiter ist als die Praxis der Freiheit. Konrád lädt sich Gäste ein, die den Blick zurück und in die Zukunft werfen. Wer Verantwortung für die Zukunft übernimmt, der muss auch Verantwortung für die Vergangenheit übernehmen. Die intellektuelle Macht dient der intellektuellen Autonomie, die nichts gemein hat mit der Flucht in Verallgemeinerungen. Um die Massen zu gewinnen, bedarf es intellektuellen Kitsches. Solcherart wie er uns wieder reichlich, wenn auch nur scheinbar wissenschaftlich verbrämt, völkisch serviert wird. Unsichere Menschen urteilen mit Sicherheit. Ein reiches achtzigjähriges Leben schüttet seine Erkenntnisse im Nachsinnen über die Freiheit aus, ein unprogrammatisches Lebensregister. Ich bin den Lehren und Religionen entglitten; nichts steht über dem Leben des Einzelnen. Sollte man eine andere Summe des Lebens ziehen? Ein anderes Motto als das folgende: Wir beugen uns vor niemandem, höchstens vor unserem kleinen Enkel. So prallvoll mit Leben, so prallvoll mit Weisheit. Das Buch der Stunde, wenigstens bis zum Herbstprogramm. (WK)