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Folge neun

€ 18,95








erschienen bei: Aufbau Verlag

erscheint demnächst als Taschenbuch

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Ronja von Rönne

Wir kommen

Polyester. Sprechen Sie die Silben deutlich, kleine Pause nach der zweiten, die dritte betont und lange: Po-ly-ēs-ter. Sie kennen die Fasern (das famose Trevira) aus Polyethylenterephtalat und Ethylenglykol. Wenn Sie es richtig aussprechen, treibt es Ihnen den Geschmack auf die Zunge: künstlich. Sie erkennen seine Herkunft aus den Giftküchen der chemischen Industrie, wenn Sie es als Kleidungsstück auf der Haut tragen oder auf den Tisch stellen in Form einer PET-Flasche. (Nebenbei: PET feiert in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag. Nein, wir sprechen hier nicht über Weichmacher, Nervengift und Schwermetall.)

„Polyesterleben“ kennen Sie nicht, noch nicht. Aber Sie kennen Menschen, die immer zuerst nach dem Beruf fragen: „Und was machen Sie beruflich?“ Auf Partys zum Beispiel, Poolpartys. Da trifft Ghostwriter (Sachbuch) auf Zukunftsforscher, Regisseur flieht vor Soapdarsteller. Die Radioredakteurin ist Veganerin. Man trinkt Gimlets oder das ein oder andere Glas Cremant, kokst ein bisschen, bringt ausgefallene Gastgeschenke mit, knüpft Kontakte, baut am Netzwerk – Polyesterleben. Lebensdarsteller treffen sich, namenlose, aber trés chic. Rollendarsteller.

Wir leben im Land der Schönebergers, Jauchs, Fischers (Helene), wir kaufen Frischkäse oder leckeren Kartoffelsalat, eröffnen ein Konto bei der Postbank und schauen mal kurz bei Tchibo rein – Polyesterleben.

Die Straße war leer. Dies war Deutschland.

Die Zukunft ist die Gegenwart, sie wird die gleichen Namen tragen, nur die Ziffern ändern sich (iPhone19). Und die Gegenwart? In den Familien wird nicht mehr geredet, vielmehr geschwiegen, weil die Welt der Dinge (Rasenmäher, Staubsauger, Fön – Maschinen eben) uns und allen anderen Schweigen auferlegt. Da wird das Putengeschnetzelte im Sonderangebot zum Highlight. Die hehre Wahrheit, wenn sie denn zutage tritt, ist reduziert auf das Eingeständnis der eigenen Nacktheit.

Werte? Abendland? War da was? Was sich nicht in Zahlen ausdrücken lässt mit diesem magischen Zeichen dahinter (hundertpro) – Tinnef, Mumpitz ... Standort statt Heimat, Markt statt ...

Ach, das wissen Sie schon alles? Alter Hut?

Und jetzt lehnt die Rönne auch noch einen Preis ab? Wenn Sie in das gleiche Horn stoßen wollen, wie die Studien und Statistiken, die Aufschluss über unsere Jugend (Man ist geneigt den Plural, den es nicht gibt, zu verwenden.) geben (Nein, wir wiederholen das nicht, weiß eh jeder.), dann lesen Sie dieses Buch nicht. Aber vielleicht wollen Sie einer 24-Jährigen mal zuhören, was sie so zu erzählen weiß. Das ist klug, das ist witzig. Verletzlichkeit, die nicht in Häme, Spott oder Kaltschnäuzigkeit gipfelt. Treffend, hart und doch zauberhaft einfühlsam, ganz ohne Provokation und doch aufwühlend. Das ist leichtfüßig, manchmal poetisch. Oberflächlich ist es nicht.

... dein goldenes Haar, Maja ...


Ein Buch für Junge, die sich vor dem Erwachsenwerden fürchten, und für Erwachsene, die nicht vergessen haben, dass Reife nichts mit dem Alter zu tun hat. Im Berufsfeuilleton hat man nicht immer unbedingt verstanden, dass Gedanken, die mit Taubenfüßen daherkommen, auch große Ideen sein können. Die erste Auflage ist fast weg. Glückwunsch. (WK)